(Un-)Sichere Gemeinde

(Un-)Sichere Gemeinde

Gewalt gegen Kinder und Jugendliche - Ein uraltes Problem

Bei Gewalt gegen Kinder und Jugendliche handelt es sich um ein uraltes gesellschaftliches Problem. Auch in der Bibel wird zum Beispiel von einer überraschenden Anzahl sexueller Übergriffe berichtet. Im Fokus stehen dabei Familien, denen man solche Dinge "niemals zutrauen" würde.

Sind Gemeinden nicht sicher? - Nicht von Natur aus!

Gemeinden sind nicht sicherer als andere Orte, nur weil sie Gemeinden sind. Wie in anderen Institutionen, die vertrauensvoll mit Kindern und Jugendlichen arbeiten, finden Kinder in Kirchen und Gemeinden nicht einen von Natur aus geschützten Raum. Im Gegenteil: Orte, an denen Kindeswohlgefährdung bisher "kein Thema" war, dürfen nicht als besonders sicher, sondern müssen viel mehr als besonders unsicher gelten.

Eine sichere Atmosphäre entsteht nicht von Natur aus! Vielmehr bieten Gemeinden ungewollt Tätern alles, was sie sich wünschen. Viele Faktoren begünstigen sogar, dass Täter sich in Gemeinden sicher fühlen können:

  • die familiäre Struktur in vielen freikirchlichen Gemeinden, die leider ungut ausgenutzt werden kann
  • das problematische Verhältnis zum Thema Sexualität
  • die Gehorsamspflicht
  • die Einklagbarkeit von Vergebung
  • die Vergötzung von Männern

Gemeinde heute hat sich der Realität sexualisierter Gewalt in ihrem Kontext zu stellen. Sicherheit muss erarbeitet, aktiv gestaltet und immer wieder aufs Neue verteidigt werden!

Gemeindespezifische Faktoren die Missbrauch begünstigen können

Familiäre Strukturen

Worauf viele Gemeinden stolz sind, wird für nicht wenige Kinder zu einer Falle: "In unserer Gemeinde sind wir eine große Familie!" Jeder vertraut jedem und keiner traut jemand so etwas Schlimmes zu. Im Windschatten dieses übergroßen Vertrauensvorschusses reisen leider viele Täter mit.

Problematisches Verhältnis zum Thema Sexualität

Schon in der Alten Kirche hat man Enthaltsamkeit mit heiligem Leben gleichgesetzt. Die sexuelle Lust wurde zur Sünde schlechthin. Darüber spricht man nicht! Darüber klärt man nicht auf! Davor hat man Angst!

Doch genau diese Angst überträgt sich auf Kinder: Darüber darfst Du mit niemanden reden! Wir machen hier etwas ganz Geheimes!

Immer wieder wird in Studien darauf hingewiesen, dass gerade in Familien, die mit dem Thema Sexualität nicht offen umgehen, die Gefahr größer ist, dass es zu sexuellem Missbrauch kommt. Mädchen und Jungen aus Familien mit rigiden Sexualnormen, d.h. aus Familien, in denen Sexualität tabuisiert wird und ein strenges moralisches Klima herrscht, werden deutlich häufiger Opfer sexueller Ausbeutung als Mädchen und Jungen, die eine offenere Sexualerziehung erhielten!

Gehorsamspflicht

Das Gebot "Ehre deinen Vater und deine Mutter ..." sagt kein Wort zum Thema Gehorchen, sondern thematisiert Respekt sowie die soziale und wirtschaftliche Absicherung der (alten) Eltern. Trotzdem hat es immer wieder dazu herhalten müssen, die Eltern zu Herren, ja geradezu zu "Halbgöttern" zu machen, die über ihre Kinder herrschen. Darum nennen wir das Elterngebot "das missbrauchte Gebot". Es wird an solchen Stellen und besonders in Inzestfamilien sehr häufig zitiert: "Du musst gehorsam sein!"

Dazu sagen wir nein. Blinder Gehorsam ist Gift für jede Erziehung zu starken Persönlichkeiten. Auch ein Kind hat ein Recht auf eine eigene Meinung und ein eigenes Gefühl von richtig und falsch.

Die Einklagbarkeit von Vergebung

Vergeben und Vergessen - das ist fromme Gewalt. Es führt den Missbrauchs-Kreislauf weiter: Höre nicht auf dein Gefühl, das dir sagt, dass Unrecht geschehen ist. Vergib und vergiss!

Eine Art christliche Gehirnwäsche. Wie sagt Absalom zu Tamar: "Ist dein Bruder Amnon bei dir gewesen? Nun, meine Schwester, schweig still; es ist dein Bruder, nimm dir die Sache nicht so zu Herzen." Schwamm drüber! Das Vergangene hat keine Bedeutung! Du musst vergeben! Irgendwie muss doch der Frieden in der Familie, in der Gemeinde wieder hergestellt werden. Dies kann so weitergeführt werden: "Wie kannst du nur deinen Vater anzeigen! Wie kann man nur so lieblos sein! Und das als Christ!"

Leider missbraucht und zwingt man den Menschen ein weiteres Mal, seine Gefühle abzutöten, zu schweigen, sich anzupassen. Und nicht selten ist es so, dass derselbe Mensch, der einfordert: "Du musst deine Feinde lieben!" wegen eines Unfallschadens zum Anwalt geht. Es scheint in unserer christlichen Gesellschaft akzeptabel zu sein, wegen eines kaputten Autos zum Richter zu gehen, aber nicht wegen einer zerstörten Seele.

Im Verlauf der Aufarbeitung einer Missbrauchserfahrung ist Vergebung zunächst kein zentrales Thema ... Klagen und Anklagen können oft viel wichtiger sein, als sofort zu vergeben. Klagen und Anklagen sind keine Sünde, sondern der Weg zum Leben. Erst am Ende einer Therapie, wenn das Opfer mit seinem jetzigen Leben verantwortlich umgehen kann, kann die Person den inneren Wunsch nach Vergeltung aufgeben, so dass sie in der Lage ist, dem Täter zu vergeben und Gutes zu wünschen.

Vergebung steht am Ende und ist die Bereitschaft, diese Sache innerlich loszulassen. Sie kann eine Folge von Heilungsschritten sein - nicht die Voraussetzung!

 

Mit freundlicher Genehmigung des GJW. Quelle und weiterführende Informationen beim Gemeindejugendwerk https://www.gjw.de/schwerpunkte-themen/kindesschutz